Wie jede Woche sind wir bemüht, neue Impulse bereit zu stellen. In der Regel handelt es sich dabei um einen Andachtsimpuls zum Sonntag. Diesen gibt es als Datei zum selbst Lesen und als Audio-Datei zum Anhören.

Weiterhin gibt es hin und wieder noch andere Impulse zu Themen, die uns beschäftigen.

Diese Woche wird die Andacht nur per Mail verschickt.

Für den wöchentlichen Bezug von Andachten und Informationen aus der Gemeinde laden wir dazu ein, sich zu runsere InfoMail anzumelden.

Eine Mail an Pfarrerin Schulze mit der Bitte um Aufnahme in den Verteiler genügt.

Kollekteninformation

Von der Herrnhuter Missionshilfe erreichte uns die Bitte wo es möglich ist um Spenden für den Nothilfefonds der HMH zu bitten. Es mehren sich die Anfragen aus den Geschwisterprovinzen um Finanzierungshilfen in den unterschiedlichsten Arbeitsbereichen. Der Nothilfefonds dient dazu, schnelle Hilfe bieten zu können, wenn Eile geboten ist. Diesen Geldtopf gilt es immer wieder nachzufüllen, damit er auch weiterhin effektive Hilfe sein kann. Wir bitten euch euren Beitrag beizusteuern, sofern es euch möglich ist. Nutzt gern dazu die Bankverbindung unserer Gemeinde. Wir werden die Spenden zuverlässig weiterleiten. Alternativ könnt ihr auch über das Spendenportal der Brüder-Unität und der Herrnhuter Missionhilfe beitragen.

Lesefrüchte in Coronazeiten

In diesen Zeiten kommt manch einer / eine häufiger als sonst zum Lesen. Dabei kann es vorkommen, dass man denkt: »Das ist ein schöner Gedanke« oder »was für eine interessante Formulierung« – und man hätte Lust, die einer anderen Person mitzuteilen.

Daher diese Idee: »Lesefrüchte in Coronazeiten« mit anderen zu teilen. Es ist ein Versuch.

Das Herrnhuter Diarium vermeldet unter dem 13. August 1727: »Nach der Absolution wurde das Mahl des Herrn mit gebeugten und erhöhten Herzen gehalten und wir gingen ziemlich außer uns selbst ein jeglicher wieder heim. Auf dem Wege nach Herrnhut kam eine Wespe mit großer Wut auf den Vorsteher zu und stach ihn recht heftig in die Hand, als er eben in der Herumholung eines Separatisten begriffen war. Wir brachten diesen und folgenden Tag in einer stillen und freudigen Fassung zu und lernten lieben.«

Das ist die berühmte Passage, in der das »wir lernten lieben« als Zusammenfassung der Erfahrung des 13. August gerne zitiert wird. Meist wird beim Zitieren der Satz vom Wespenstich unterschlagen und die Weglassung mit drei Pünktchen angedeutet. Sie stört die Beschreibung der erhebenden Erfahrung in und nach dem Abendmahl durch ihre Trivialität. So wie die Wespe den Vorsteher, also wohl Zinzendorf, bei der Herumholung eines Separatisten vermutlich erheblich gestört hat.

Gerade diese Passage vom Wespenstich aber geht mir nicht aus dem Kopf. Warum wurde in der Beschreibung des Diariums die Wespe während der Schilderung der tiefen geistlichen Erfahrung erwähnt und nicht damals schon weggelassen? Weil es Zinzendorf ist, den die Wespe in die gräfliche Hand gestochen hat? Dass die Wespe »mit großer Wut« auf den Vorsteher zu kam, klingt, als ob dem Tier eine böse Absicht unterstellt wird. Hat der Schreiber des Diariums in der Wespe einen Versuch des Bösen gesehen, die gerade erlangte Einigkeit, die Zinzendorf durch die Bearbeitung eines Abtrünnigen zu vollenden suchte, zu stören? Ich stelle mir die Situation auf dem Weg von Berthelsdorf nach Herrnhut ganz anders vor: Nämlich dass Zinzendorf, ganz vertieft ins Gespräch mit der abweichlerischen Seele, womöglich dabei heftig gestikulierend, das Insekt achtlos weggewischt hat, wodurch es provoziert wurde. Wespen können aufsässig und manchmal aggressiv sein. Aber dass sich eine „mit großer Wut“ auf jemand gestürzt hat, habe ich noch nie erlebt.

Irgendwie gefällt sie mir, die Wespe. Nur allzu gern streichen wir die Erinnerung an die schöne, beeindruckende Geschichte der Entstehung der Brüdergemeine glatt und ersetzen das Störende mit drei Pünktchen. Und so geht es uns mit vielen schönen, erhebenden Erinnerungen. Dabei zeigen gerade solche Wespenstiche, dass keine Erfahrung jemals ganz glatt gewesen ist. Häufig steht die Natur mit ihrer Widerständigkeit unseren geistlichen Höhenflügen im Weg - gerade dann, wenn wir »ziemlich außer uns selbst« zu sein meinen. Und wir werden durch Wespen, Viren und anderes Getier schmerzhaft daran erinnert, wie sehr wir in einem verletzlichen Körper beheimatet sind.

Ob die Herumholung des Separatisten damals trotz Wespenstich gelungen ist? Wir wissen es nicht. Aber die Tiefe einer geistlichen Erneuerung bemisst sich wohl darin, ob sie trotz der Stiche aus unserer Umwelt bestand hat und sich in unserer natürlichen Welt der Körper bewährt.

Vor einigen Wochen sollte ich einen Artikel über den Missionar Richard Wilhelm für »weltweit verbunden«, die Zeitschrift der Herrnhuter Missionshilfe schreiben. Ich wusste ziemlich wenig über ihn. Nur sein Grab auf dem Blumhardtfriedhof kannte ich natürlich, das heraussticht durch seine merkwürdige Kugelform, um die herum die Strichzeichen des chinesischen »I Ging« angeordnet sind. In unserem Pfarrbüro liegt eine DVD mit einem chinesischen Film über ihn. Für die Dreharbeiten war das Kamerateam vor einigen Jahren auch in Bad Boll an seinem Grab gewesen. Leider versteht man darauf nur Chinesisch.
Die Akademie hat aber vor mehreren Jahren in Zusammenarbeit mit verschiedenen Sinologen und Instituten zwei Symposien über Wilhelm veranstaltet. Die Dokumentationen dazu sind schon lange nicht mehr erhältlich, aber wir haben zum Glück gute persönliche Kontakte zur Akademie.
Je mehr ich über Wilhelm las, desto mehr hat er mich fasziniert. Auch jetzt noch würde ich sagen, dass ich keine Ahnung von ihm habe. Aber wahrzunehmen, mit welchem Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl er sich in die chinesische Sprache und Kultur hineingedacht und -gelebt hat, ist faszinierend. Er war in der deutschen Kolonie Tsingtau das Gegenbild zu den deutschen Kolonialherren: Er wollte Brückenbauer zwischen den Kulturen sein. Deshalb hat er viel übersetzt und geschrieben von chinesischer Literatur und Weisheit. Als er 1920 nach Deutschland zurückkehrte, hatte er keinen einzigen Chinesen in der deutschen Kolonie getauft. Sein Schwiegervater Christoph Blumhardt hatte ihm auch geraten, dies tunlichst zu lassen.
Auf dem Schiff, das ihn von China nach Deutschland zurückbrachte, schrieb Wilhelm »Zehn Gebote« auf, die nach meinem Eindruck den Geist chinesischer Weisheit atmen und einen auch heute noch nachdenklich stimmen können:

Die Schöpferkräfte setzen sich durch in der Welt. Darum sollst du dich nicht fürchten.

Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis. Darum sollst du nichts Vergängliches zum Gott machen.

Die Wahrheit ist nur für die, die sie verstehen können. Darum sollst du schweigen können.

Jede Kraft bedarf der Reife. Darum sollst du der Einsamkeit pflegen.

Du sollst Ehrfurcht haben vor der Menschheit in dir und anderen.

Du sollst das Leben heilig halten und fördern.

Du sollst jede Freude lieben und schonen.

Du sollst zuverlässig sein in Wort und Tat.

Du sollst nicht nach Besitz von äußeren Dingen trachten.

Du sollst frei sein von allem Neid, auf dass du sehen und hören kannst, was andere Gutes haben und wessen sie bedürfen.

11.05.2020 / Christoph Reichel

Der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz wurde berühmt durch seinen »Roman eines Schicksallosen«. Darin schildert er aus der Perspektive eines Jugendlichen seine Deportation in den Arbeitsdienst und in das Konzentrationslager Buchenwald. Kertesz selbst war 1944 nach Auschwitz deportiert worden und kam 1945 frei.
Das Buch ist eines der erschütternden literarischen Zeugnisse der Judenverfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus. Vor längerer Zeit schon habe ich es gelesen, in diesen Tagen der Erinnerung an das Ende des 2. Weltkriegs nehme ich es wieder aus dem Regal und suche die Stelle auf, die mich damals besonders beeindruckt hat und mir geblieben ist.
Gegen Ende des Romans kommt der Junge nach der Befreiung zurück in seine Heimatstadt Budapest. Er trifft einen Journalisten, er begegnet den alten Nachbarn von früher. Sie alle wollen wissen, wie es gewesen ist. Und dann kommt die Frage auf, wie er nun – nach all diesen Gräueln – ein neues Leben anfangen könne. Er schockiert sie mit der Antwort, er habe nichts von den Gräueln bemerkt. Und fragt sie zurück, »was sie denn wohl in diesen ›schweren Zeiten‹ gemacht hätten. ›Na ja… wir haben gelebt‹, sagte der eine nachdenklich. ›Wir haben zu überleben versucht‹, fügte der andere hinzu. Also hatten auch sie einen Schritt nach dem anderen gemacht – wie ich bemerkte. Was für Schritte, wollten sie wissen, und da habe ich ihnen erzählt, wie das in Auschwitz zugegangen war.« Und er erzählt von den Zügen, den Warteschlangen, wie man Schritt für Schritt gehen musste bis zu der Stelle, wo die Entscheidung fiel: gleich Gas oder noch einmal davongekommen.
Immer wieder muss ich an dieses Bild denken: die kleineren und größeren Schritte, die jeder und jede geht, wie die Menschen in der Schlange vor dem Tor von Auschwitz. Man redet davon, dass das »Unglück über einen kommt«, man sieht sich als Opfer. Im Rückblick, sagt Kertesz, erblicken wir immer das Fertige. Und doch sind es die kleinen Schritte, die jeder, ob Opfer oder Täter, geht. Von Stufe zu Stufe gewöhnt man sich an das Grauenhafte, bis es fast »normal« ist. Aber, sagt der Junge bei Kertesz: »ziehen wir doch einmal in Betracht: Jede dieser Minuten hätte eigentlich auch etwas Neues bringen können. In Wirklichkeit hat sie nichts gebracht, natürlich – aber dennoch muss man zugeben: Sie hätte etwas bringen können…«. Jeder Schritt könnte auch anders verlaufen.
Ähnliches ist in den Auschwitz-Erfahrungen zu lesen, die Primo Levi in seinen Büchern aufgeschrieben hat: Eindrücklich, verstörend schreibt er über die Fähigkeit der Menschen, sich noch an das Schlimmste zu gewöhnen. Sein Buch: »Ist das ein Mensch?« sollte auch heute noch zur Pflichtlektüre gehören. Warum? Ich will es mit einem Zitat von Primo Levi beantworten, dem letzten Satz des Nachworts zur deutschen Neuauflage von »Ist das ein Mensch?« im Jahr 1979:
»Ich glaube, in den Schrecken des Dritten Reichs ein einzigartiges, exemplarisches, symbolisches Geschehen zu erkennen, dessen Bedeutung allerdings noch nicht erhellt wurde: die Vorankündigung einer noch größeren Katastrophe, die über der ganzen Menschheit schwebt und nur dann abgewendet werden kann, wenn wir alle es wirklich fertigbringen, Vergangenes zu begreifen, Drohendes zu bannen.«
Wenn es uns gelingt, die Reihe der Schritte in die Gewöhnung an die Katastrophe zu unterbrechen.

08.05.2020 / Christoph Reichel

In diesen Tagen jährt sich zum 50. Mal der Todestag des deutschen Dichters Paul Celan. Verzweifelt hatte er sich gegen Ende April 1970 in Paris das Leben genommen. Dieses Datum ist Anlass für einige Neuerscheinungen über den Dichter. Eins der Bücher macht eine denkwürdige Begegnung von Paul Celan mit dem Philosophen Martin Heidegger auf dem Todtnauberg zu einem Kristallisationpunkt, von dem aus die zentralen Themen des Lebens der beiden, Dichter und Denker, aufgegriffen werden. Celan hatte Heidegger intensiv studiert. Er bewunderte ihn und fühlte sich ihm verwandt. Aber er wusste auch um seine Nähe zum Nationalsozialismus. Für ihn, der im rumänischen Czernowitz als Sohn jüdischer Eltern geboren war und dessen Eltern ermordet worden waren, war es ein lebenslanger Kampf, in seiner Sprache zu dichten, die zugleich die Sprache der Mörder seiner Eltern war. Er erlebte, wie man in Deutschland »großzügig« mit der Vergangenheit umging und vieles überging und seine kritische Haltung selbst in aufgeschlossenen Kreisen oft für übertrieben hielt.
In das sogenannte Hüttenbuch, das Gästebuch in Heideggers Hütte auf dem Todtnauberg, schrieb er am Tag der Begegnung:
»Ins Hüttenbuch, mit dem Blick auf den Brunnenstern,
mit einer Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen.
Am 25. Juli 1967 Paul Celan«

Die Hoffnung auf das kommende Wort von Heidegger erfüllte sich nicht. Heidegger distanzierte sich nie öffentlich von seiner Haltung und seinen enthusiastischen Äußerungen zum Nationalsozialismus. Auch als Celan ihm das Gedicht »Todtnauberg« schickte, in dem er die Begegnung festhielt und den Eintrag ins Hüttenbuch aufnahm:
»...die in dies Buch
geschriebene Zeile von
einer Hoffnung, heute,
auf eines Denkenden
kommendes Wort
im Herzen...«
Zwei spätere Treffen führten nicht weiter. Es herrschte Sprachlosigkeit über die Vergangenheit.
Manches ist spekulativ in Hans Peter Kunischs Buch über die Begegnung (»Todtnauberg«, München 2020) - da versucht er sich hineinzudenken, wie es gewesen sein könnte. Vieles ist aber auch genau recherchiert. Die Sprachlosigkeit zwischen zwei Menschen des Wortes über diese dunkle Seite der Geschichte, zwischen einem Opfer und einem, der sich verrannt und schuldig gemacht hatte (das Ausmaß wurde erst vor wenigen Jahren mit der Veröffentlichung seiner schwarzen Notizhefte aus der damaligen Zeit deutlich), ist beklemmend. Paul Celan sah mit Angst, dass der Nationalsozialismus nicht verschwunden war, sondern immer noch, untergründig, und wieder neu, sein Unwesen trieb. Beklemmend ist die Lektüre auch deshalb, weil man den Eindruck hat, dass wir für das, was damals verpasst wurde, heute im aufkommenden Rechtsradikalismus die späte Quittung bekommen.

28.04.2020 / Christoph Reichel

Den Psalm 8 habe ich seit langem nur mit ambivalenten Gefühlen sprechen können. Was ist daraus geworden, dass Gott dem Menschen »alles unter seine Füße gelegt« hat, und wie haben die Menschen dies doch falsch verstanden! Wie machtlos ist der Name des »Ewigen« auf der Welt geworden! Nun habe ich mit Klara Butting (»Erbärmliche Zeiten – Zeit des Erbarmens. Theologie und Spiritualität der Psalmen«, Uelzen 2013, S. 42-46) den Psalm neu gelesen. Der Nachthimmel, die Anschauung des Universums führt den Psalmbeter zu einer Selbstreflektion. Wie zerbrechlich, wie gefährdet ist der Mensch. Und doch hat Gott ihm eine Würde gegeben, die selbst allen Erfahrungen der Kleinheit und der Bedrängnis standhält. Er spricht ihm eine Würde zu, die im alten Orient nur den Göttern vorbehalten ist. Er soll Gottes Spiegelbild, sein Gleichnis sein. Und das bezieht sich nicht nur auf den gläubigen Menschen, sondern auf alle Menschen. Die Trennung in »Ich« und »die Anderen« wird aufgehoben.
Butting zitiert Emmanuel Lévinas, den jüdischen Philosophen, der sich eingehend mit dem Talmud beschäftigt hat. Er schreibt: Der »Geist der jüdischen Bibel« wird darin zum Ausdruck gebracht, »dass die Beziehung zum Göttlichen über das Verhältnis zu den Menschen führt und mit der sozialen Gerechtigkeit zusammenfällt... Mose und die Propheten kümmern sich nicht um die Unsterblichkeit der Seele, sondern um den Armen, die Witwe, die Waise und den Fremden. Die Beziehung zum Menschen, in der die Berührung mit dem Göttlichen stattfindet, ist nicht eine Art geistige Freundschaft, sondern diejenige, die sich in einer gerechten Ökonomie manifestiert, erprobt und erfüllt, einer Ökonomie, für die jeder Mensch voll verantwortlich ist.« (S.44f)
Entscheidend ist, dass die Würde dem Menschen zugesprochen wird. Sie hängt nicht von eigener Handlungsmacht ab. Im Rufen der Säuglinge und Kinder, also derer, die abhängig sind und nicht über ihr Leben reflektieren können (ebenso wie derer, deren Selbstbewusstsein und Gestaltungskraft durch Krankheit, Alter oder Umstände verloren gegangen ist), zeigt sich Israels Gott. »Im Schwächsten der Gemeinschaft zeigt diese Gottheit ihr Wesen und ihre Macht: Sie zeigt sich selbst als ein Gegenüber, das nach Liebe und Zuwendung verlangt!...Jeder Mensch hört aus dem Mund von Kindern und Säuglingen den Ruf zur Mitmenschlichkeit und Verantwortung als unsere menschliche Bestimmung.« (S.45f)
Es ist diese menschliche Würde der Schwächsten der Gemeinschaft, die unser Handeln in Coronazeiten zu Recht bestimmt.

25.04.2020 / Christoph Reichel

Die Psalmen spielen in unserem gottesdienstlichen Leben, bei den Losungen (wie viele Losungsverse stammen aus den Psalmen!) und vielleicht auch sonst in der persönlichen Spiritualität eine wichtige Rolle.
Meistens aber gebrauchen wir sie als eine Art Steinbruch: Wir brechen hier und da einen passenden Vers heraus. Auch im Evangelischen Gesangbuch stehen selten ganze Psalmen. Die »unpassenden« Verse, weil sie von Aggression, von Vernichtung der Frevler oder Ähnlichem reden, werden weggelassen.
Beim Lesen von Klara Buttings Buch über die Psalmen (»Erbärmliche Zeiten – Zeit des Erbarmens. Theologie und Spiritualität der Psalmen«, Uelzen 2013) habe ich gelernt, den Psalter als ein komponiertes Ganzes zu verstehen. Entstanden in einer dürftigen Zeit – lange Jahre nach dem Ende des Königtums in Israel, in Zeiten der Fremdherrschaft und der zunehmenden Verarmung der Bevölkerung erinnern sich die Psalmen an die Geschichte Israels. Viele sind König David zugeschrieben, sie vollziehen Aufstieg und Niedergang des Königreichs in Gebet, im Lobpreis, in der Klage nach. Klara Butting schreibt: »Die Davidspsalmen verwandeln die gescheiterte Geschichte Davids und Israels, indem sie sie auf die Zukunft hin öffnen. Im Leben derjenigen, die im Psalter das Gespräch mit Gott suchen, wird die alte Geschichte neu geschrieben.« (S. 48) Und indem die Beter in das betende »Ich« der Psalmen hineinschlüpfen, werden sie selbst zu Menschen, die diese Geschichte neu schreiben können durch ihr eigenes Leben. In Lob, in Bedrängnis, in Klage entdecken wir neue Sprach- und Handlungsräume für unser Leben. »Auch wenn wir denken, dass wir nichts tun können, auch wenn unsere Handlungsspielräume auf die Bewältigung unserer eigenen Not oder Krankheit beschränkt sind oder durch die politische Situation minimiert werden, wir lernen uns Psalmen betend als Menschen kennen, auf die es bei Gottes Veränderung der Welt ankommt.« (S. 49) Psalmen betend, setzen wir uns auch mit der eigenen Ohnmacht, den Ungerechtigkeiten (dass es den »Frevlern« so unverschämt gut geht), den eigenen Aggressionen auseinander und bringen sie vor Gott. Und dadurch wird uns Atem verschafft und unser Raum wird geweitet. Wir transzendieren das Erbärmliche unserer Gesellschaft und unseres Lebens. Wir üben uns ein in ein erlöstes Leben, in eine messianische Zeit.

21.04.2020 / Christoph Reichel

Um unseren kleinen Buchhändler zu unterstützen, habe ich mir während der Schließungszeit einige Bücher bestellt und in einer Box vor seinem Geschäft abgeholt. Dabei war auch ein Buch mit dem Titel: »Talmud lernen«. Es enthält Vorträge des evangelischen Theologen Friedrich Wilhelm Marquardt und der jüdischen Talmudgelehrten Chana Safrai aus den Jahren 1992-2001, die sie bei Akademietagungen in Berlin über den Talmud gehalten haben (Bonn 2014).
Der Talmud (hebr. »Lehre«) bezeichnet die jüdische (mündliche) Auslegungstradition der Schrift, entstanden in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung. Chana Safrai spricht in ihrer Einleitung vom Stellenwert des Talmudstudiums in der jüdischen Gemeinde. Talmud lernen gehört zum Leben. Jeder und jede verbringt damit wenigstens eine gewisse Zeit am Tag. Sie erzählt: »Als kleines Kind, als ich so ungefähr zehn oder zwölf Jahre alt war und die Großeltern noch lebten, haben wir Kinder einmal draußen gespielt. Die Großeltern hatten ein Haus, und mein Großvater kam aus dem Haus und sagte: ‚Was ist das, diese Lauferei hier draußen, was macht ihr hier? Seid ihr müde, geht schlafen, wollte ihr essen, geht essen, aber wenn ihr nicht müde und nicht hungrig seid, warum nicht studieren?‘ ... Als ich Kind war, war er schon pensioniert, hat nicht mehr gearbeitet und immer gelernt. Immer Talmud gelernt. Nicht dass er ein großer Lehrer war, er war kein Rabbiner, er war ein ganz gewöhnlicher Jude, der jüdisches Leben gelebt hat.« (S.17) Das Studium ist natürlich eine intellektuelle Herausforderung, gerade für nicht Gelehrte; vor allem aber ist es ein Gottesdienst. Im Studium des Talmud drückt sich völlig zweckfrei die Liebe zu Gott aus. Und der studierende Mensch, so sagt Safrai, bekommt für einen Moment den Kopf frei von allen alltäglichen Sorgen.
Frühere Generationen von Christen kannten auch so etwas. Sie haben die Bibel durchgelesen, als einfache Menschen die Schriften studiert, von vorn bis hinten. Und wenn sie fertig waren, fingen sie wieder von vorne an. Manches haben sie vielleicht nicht verstanden. Heute hat man oft den Eindruck, dass man Theologie studiert haben muss, um die Bibel lesen und einigermaßen begreifen zu können. Mir ist jetzt klar geworden: dieses Bibellesen war eine Art von Gottesdienst, aus Liebe zu Gott und aus Respekt vor seinem Wort.
Schade eigentlich, dass das gemeinsame Studieren der Bibel so aus der Mode gekommen ist. Ein bisschen erahne ich die Freude des Studiums, wenn ich einmal mit einem Kommentar ein biblisches Buch durcharbeite.

17.04.2020 / Christoph Reichel