Einige Gedanken zum Predigttext des Sonntags Judika, 29. März 2020

von Christoph Reichel


Liebe Schwestern und Brüder,

in diesen Tagen heißt es: Zuhause bleiben! Stay home!
Wer seine Wände verlässt, setzt sich der Ansteckungsgefahr aus. Umso mehr genieße ich die stille, klare Morgenluft allein im Wald. Ein Mittel gegen den Kater, der einen zuhause befällt.
Wie leicht fangen zuhause die Gedanken an, um das eigene Ergehen zu kreisen.
Draußen atme ich durch und spüre: Ich bin noch da.
Aber viele können nicht hinausgehen und ihre vier Wände hinter sich lassen. Kein Besuch ist erlaubt, der von Draußen einen anderen Gedanken, etwas frische Luft hereinbringen könnte.
Die Gedanken allein hinauszuschicken in die Weite, wenn man sich nicht die Schuhe anziehen und wirklich auf den Weg machen kann, ist oft nicht einfach.
Dennoch sind wir am kommenden Sonntag eingeladen, das zu tun. Unsere Gemeinde ist an der Reihe, die »Gebetswacht« für die weltweite Unität zu übernehmen. Die Fürbitte ist eine Gelegenheit, sich die Brüder und Schwestern in der Unität vor Augen zu holen, von der Karibik bis Alaska, von Südafrika bis Nordindien, und für die Geschwister zu beten. Durch die Corona-Pandemie erhält die Gebetswacht eine besondere Bedeutung. Denn auch die fernen Geschwister sind in großer Sorge um ihr Land, um ihre Gesundheit, um die Zukunft. Ich habe von Menschen in Tansania und in Südafrika gehört, dass sie Schlimmes befürchten, wenn das Virus dort um sich greift. Wegen der eng beieinander wohnenden Menschen in den Städten und ihren Townships, mit z.T. schlechten hygienischen Bedingungen und einer relativ schwachen Gesundheitsversorgung könnte die Pandemie verheerend sein.
Ich denke da auch an die Bilder aus einem Fernsehbericht über Venezuela, die sich mir auf die Netzhaut gebrannt haben: ein alter Mann, ohne fließendes Wasser im Haus, der mit Mühe versucht, sein eigenes Desinfektionsmittel herzustellen. Menschen in Schlangen vor leeren Lebensmittelgeschäften. Eine Frau schreit verzweifelt hinter ihrer Schutzmaske: Wie soll ich meine beiden Enkelkinder noch ernähren?

Zuhause bleiben ist richtig. Aber umso wichtiger ist es, die Gedanken hinauszuschicken zu den anderen Menschen in ihrer Sorge und Not.

Vor diesem Hintergrund lese ich den Predigttext dieses Sonntags Judika. Er steht in Hebräer 13,12-14:
Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.
So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen.
Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Es sind Verse, die mir wichtig sind, aber auch fremd.

  1. »Draußen vor dem Tor« hat Jesus gelitten. Der Hebräerbrief entlehnt dieses Bild dem Tempelkult, wo die Opfertiere draußen vor dem Tor verbrannt wurden, während ihr Blut im Tempel am Altar geopfert wurde (V.11). Trotz dieses merkwürdigen Hintergrunds spricht das Bild mich an. Es bringt die Passion Jesu auf den Punkt: Draußen vor dem Tor.
    Das heißt: Hinausgeworfen aus der Gemeinschaft. In die Verlassenheit hinein. Ausgesetzt den Gefahren, dem Tod. Die schützenden Mauern hinter sich, wehrlos.
    Jesus hat das Dasein als Außenseiter nicht gesucht. Er suchte die Gemeinschaft. Er war überzeugt davon, dass Gott diese Welt und seine Menschen liebt, und das lebte er mit Leib und Seele. Aber deshalb weigerte er sich auch, die religiösen Grenzen und die gesellschaftlichen Konventionen zu akzeptieren, innerhalb derer man sich eingerichtet hatte. Die Unterscheidungen, wer drinnen und wer draußen war, galten für ihn nicht.
    Deshalb endete er draußen vor dem Tor. Eine Gesellschaft konnte ihn nicht ertragen. Die Menschen konnten es nicht ertragen, dass er sie an ihren wunden Punkt, an ihre Verletzlichkeit und an ihre Bestimmung als Gottes Geschöpfe erinnerte: Geliebt zu sein und zu lieben.
  2. »Durch Jesu Blut geheiligt« klingt für mich wie eine fromme Formel. Dazu ist der Satz vielleicht auch im Laufe der Zeit geworden. Wieder erschwert der fremde kultische Hintergrund das Verständnis. Was heißt denn heilig? Für mich hat es die Bedeutung von etwas Unzerstörbarem. Auf dem Heiligen liegt ein Glanz Gottes. Kein Heiligenschein, der einen der irdischen Welt und ihrer Mühsal enthebt. Heilig bin ich durch den Glauben, der mir geschenkt wird: Dass in dieser Mühsal der irdischen Welt zu leben sich lohnt – ohne Mauern, ohne Abgrenzung von Anderen, ohne Gewalt. Dass es einen unendlichen Wert hat, auf die Liebe zu setzen.
    Heilig werden wir durch Jesus, der diese Liebe als das von Gott her Menschenmögliche uns aufgezeigt und vorgelebt hat, bis zum Tod kompromisslos liebend.
    Dass wir auf diese Weise heilig sind, ist ein Hoffnungszeichen. Daran halte ich (mich) fest.
  3. »Lasst uns hinausgehen zu ihm« – darauf kommt es an. Denn dort, wo Jesus gelandet ist, draußen vor dem Lager, ist auch unser Ort. In der Schutzlosigkeit und Verletzlichkeit der Liebe.
    Ohne Grenzsicherung, ohne Abgrenzung. Ohne Angst vor dem Fremden.
    Wie oft finde ich mich selbst in einer »Lagermentalität«: draußen das Bedrohliche, drinnen ich, zur Verteidigung meiner Privilegien, meiner Überzeugungen bereit.
    Lasst uns hinausgehen zu ihm: Das Vertraute hinter uns lassend. Die Gedanken hinter mir lassend, in denen ich mich eingerichtet habe. Ohne Lagermentalität.
    Denn das, worauf zu vertrauen sich lohnt, ist der da draußen. Seine Nähe suchen wir, wenn wir den Weg der Passion bedenken.
  4. Widerspricht das aber nicht allem, was mir wichtig ist? Ist nicht mein ganzes Leben darauf ausgerichtet zu sichern, was ich bin und habe? Mich bleibend einzurichten in dem, was ist?
    »Wir haben hier keine bleibende Stadt« – abschiedlich ist unser Leben. Wie sehr erleben wir das jetzt gerade, wo alles, was aufgebaut wurde: Arbeit, Wohlstand, Wachstum, die Säulen unserer Gesellschaft – plötzlich ins Wanken gekommen ist. Aber nun den Blick nur auf das zu richten, was uns verloren gehen könnte, wäre falsch. Dann wäre, was jetzt geschieht, nur einWartestand bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir die Stadt wieder errichten können, wie sie war, in altem Glanz und alter Blüte. Und einfach weitermachen wie bisher. Nein – das wollen und sollen wir nicht. Denn »die zukünftige suchen wir«. Unsere Gedanken und Anstrengungen sollen wir auf das richten, was unsere Zukunft ist. Nicht unbedingt auf das himmlische Jerusalem, ein jenseitiges – auch wenn das ein tröstlicher Gedanke ist. Sondern die Stadt, in der etwas von der Menschlichkeit entsteht und wahr wird, die wir draußen vor dem Tor, bei Jesus, entdeckt und wahr-genommen haben. In der nicht nur vorübergehend wegen der Flaute der Konjunktur weniger CO2 in die Luft geblasen wird. In der wir nicht nur für den Moment wegen der Kranken und der Gefährdeten sorgsamer miteinander umgehen. Eine Stadt, in der wir aufeinander achten. In der wir einander als von Gott Geheiligte (s.o.) wahrnehmen und wertschätzen können. In der der Geist Jesu spürbar wird.

Ja, diese Verse aus dem Hebräerbrief schicken unsere Gedanken weit hinaus – hinaus über unsere Ängste und Sorgen und weit hinaus über unsere Einsamkeit in den eigenen vier Wänden.
Die zukünftige Stadt suchen – das sich vorzunehmen nicht nur in Zeiten von Corona, aber erschüttert von Corona neu und mit aller Kraft, das wäre ein Ziel in diesen Tagen, in dieser Leidenszeit.

Fürbitte

Lasst uns im Gebet bleiben für die, die erkrankt sind, auch unter uns
und für alle, die in Angst vor Ansteckung leben,
lasst uns beten für die, die isoliert sind durch die Kontaktverbote,
denen das Alleinsein unerträglich wird –
dass ihre Gedanken weit werden
und dass sie im Vertrauen auf Gottes Nähe getröstet und gestärkt werden –
Wir bitten dich: Gott, erbarme dich!

Wir beten für die, die in der Zeit der Pandemie aufs Äußerste gefordert sind:
für die Menschen, die in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Laboren arbeiten,
für die Verkäuferinnen und Verkäufer in den Lebensmittelgeschäften,
für alle, die das öffentliche Leben aufrechterhalten müssen,
dass sie Ermutigung erfahren und Zuspruch,
und ihnen die Kraft durchzuhalten gegeben wird.
Wir bitten dich: Gott, erbarme dich.

Lasst uns an alle denken, die in Ländern des Südens leben,
an die Geschwister in der weltweiten Brüder-Unität.
Auch sie sind in Sorge über die sich ausbreitende Pandemie.
Lasst uns die Armen vor Gott bringen,
die in keinem guten Gesundheitssystem aufgefangen werden,
deren Gesundheit schon durch fehlende und ungesunde Ernährung gefährdet ist.
Wir bitten für die Geflüchteten, die verzweifelt ausharren und auf Hilfe hoffen
in Idlib, in der Türkei und auf den griechischen Inseln.
Dass sie Hilfe erfahren und Solidarität von den reichen Ländern,
trotz Rezession und eigenem Kampf gegen die Krankheit.
Wir bitten dich: Gott, erbarme dich.

Wir beten für die weltweite Kirche, und heute besonders für die weltweite Unität,
wir bringen die Geschwister in den verschiedenen Unitätsprovinzen der Karibik, Afrikas, Amerikas, Asiens und Europas vor dich.
Wir beten für die Einheit der weltweiten Kirche trotz aller Unterschiede in Glaube und Kultur.
Dass die Brüder-Unität lebendiges Zeugnis der Liebe Gottes zu den Menschen ist,
dass wir alle gemeinsam an Gottes zukünftiger Stadt bauen, in der Gerechtigkeit und Frieden wohnen -
Wir bitten dich: Gott, erbarme dich.

Lasst uns darum beten, dass wir alle diese Krise als Chance für einen neuen Anfang begreifen,
dass wir lernen, achtsamer miteinander umzugehen,
dass wir uns nicht abschotten und unseren Wohlstand verteidigen,
sondern hinauszugehen wagen zu dem, der die Liebe gelebt hat
und für unsere Hoffnung gestorben ist, Jesus Christus.
Wir bitten dich: Jesus Christus, erbarme dich. Amen.

Kollektenzweck

Da neben unseren Versammlungen leider auch die Kollekten ausfallen, möchten wir zumindest nicht versäumen, euch den entsprechenden Kollektenzweck des Sonntages mitzuteilen. So bleibt zumindest die Möglichkeit, dass wir auch jetzt über unsere Gemeinde hinaus blicken und dort helfen können.

Die Kollekte vom 29. März 2020 sammeln wir für die Kindergartenarbeit in Albanien:

Die Herrnhuter Missionshilfe unterstützt derzeit drei Einrichtungen für Kinder in Albanien. Albanien gehört zu den ärmsten Ländern Europas. Die Ernährer der Familien gehen zur Arbeit oft ins Ausland. Zurück bleiben ältere Menschen, Frauen und Kinder. Die Frauen sind nicht selten arbeitslos oder verdienen nur wenig Geld. Ein wichtiger Bezugsort für die Kinder ist der Kindergarten. Die meisten Eltern bezahlen einen kleinen Beitrag, um ihren Kindern den Besuch der Tagesstätte zu ermöglichen. Den Kindern will man im Kindergarten trotz dieses Umfeldes einen guten Start ins Leben ermöglichen. So stehen in der Vorschule neben Singen, Basteln und Geschichten erzählen auch das Erlernen der ersten Buchstaben und Zahlen auf dem Stundenplan. Jedes Kind bekommt deshalb auch ein »Bildungsset« geschenkt. Dieses besteht aus Lehrbüchern, Schreibheften sowie Schreib- und Malutensilien. In den Einrichtungen in Albanien werden auch Kinder betreut, die in ihrer Entwicklung besondere Förderung brauchen. Dazu braucht es besonders qualifizierte Betreuer*innen, um die Kinder und Eltern angemessen zu fördern und zu begleiten.

Wir danken euch für eure Fürbitte für diese Arbeit und auch für alle finanzielle Unterstützung. Nutzt gern die gängigen Bankverbindungen der Gemeinde mit dem Verwendungszweck »Kindergartenarbeit Albanien«.